Wo aus Sehnsüchten Schaukelpferde werden

Angefangen hat alles mit Felix. Das war 1985. Ich hatte damals für meine Kinder, Matthias, Jonas, Florian und mein Patenkind Jörg ein Schaukelpferd gesucht, war aber in keinem Fachgeschäft fündig geworden. Mehr oder minder Einheitsware. Mit uralten Ziehmessern meines Freundes Aloys Oberholzer aus Wyl (CH) habe ich mich an die Arbeit gemacht. Heute steht Felix, das Erstlingswerk des Niebüller Schaukelpferdschnitzers, auf dem Mühlenhof im nordfriesischen Christian-Albrechts-Koog im Pesel. (Friesisches Wohnzimmer). Immer wenn mich die Leidenschaft packt, gehe ich in die „Rösslestube“ am Gotteskoogdeich.

Hier entstehen die „ himmlischen Rösser“, Zitat einer Zeitung aus einer südlichen Region der Republik. Zwei alte Hobelbänke gliedern grob das Reich des Schnitzers. Auf der einen finden sich die Doppelzugmesser mit verschieden breiten Schnittflächen. Auf der etwas kleineren Bank liegen Handbohrer, Schabhobel, Schleifpapier und dein Stöfchen. Hier wird das Leinöl angewärmt um es mit einem feinen Baumwolltuch auf die geschliffene Holzoberfläche aufzutragen, um diese dann mit ungewaschenem Rosshaar zu polieren. Angeregt vom Ausblick auf den See (Wehle, entstanden durch eine Sturmflut am 23. Dezember 1593) und in die Weite der nordfriesischen Landschaft, gewinnt gerade ein Vorderbein an Kontur.

Leicht drehende Bewegungen mit der Ziehklinge schaben die äußeren Holzschichten zu Boden und machen den gesägten Winkel Stück für Stück zur Kniekehle eines grazil angehobenen Pferdelaufes.

Die unterschiedlichen Maserungen versuche ich so auszumodellieren, dass die Pferde scheinbar eine eigenständige Dynamik entwickeln. Etwa die Jahresringe im Holz so herauszuarbeiten, dass sie fast unweigerlich als Muskelfasern erscheinen oder dem geschnitzten Auge mit einem dunklen Astloch eine Pupille zu geben.

In der Rösslstube am Deich haben sich viele Gerüche eingenistet: Der süßliche Duft der Öle und Wachse verschmilzt mit dem scharf-herben Aroma des unbehandelten Pferdehaares und dem Geruch verschiedener Hölzer, die z. B. Als grob vorgesägte Kopfstücke in den Regalen oder bereits in Form von Sägespänen am Boden liegen. Diese eindringliche Mixtur trägt zu der eigenen Atmosphäre bei, die die Besucher jenseits der Tür des Becht’schen Reiches erwartet. Die geschnitzte Form, der Ton des Holzes und dazu passende Mähne und Schweif machen das Werk zum Einzelstück.

Geheimnisse im Bauch

In jedem Pferdchen versteckt, befindet sich unterhalb des Schweifes eine kleine Hülse. Eine Zeitung des Tages, an dem die Einzelteile zusammengeleimt wurden. Eine Briefmarke und etwas Persönliches des künftigen Besitzers. So verschwanden bereits Haarlocken, Liebesbriefe und sogar erste Zähne oder Geburtsurkunden im trojanischen Versteck. Dazu lege ich noch einen Bernstein aus dem nordfriesischen Wattenmeer“ als Gruß an spätere Handwerker, denen dies vielleicht beim Restaurieren in die Hände fällt“. So wie der Freund aus der Schweiz über die Schnitzmesser am Gotteskoogdeich weiter existiert, genauso wird Friedrich Becht weiterleben, wenn vielleicht im Jütländischen Königshaus, bei den Tsu’Tina Nation in Breek Creek in den Rocky Mountains Canada, AWO Wenningstedt/Sylt, Charitè Berlin, Yelm, Washington USA, Kindergarten in Hördt, aus einem Pferderumpf ein kleines braunes Steinchen kullert. Bloß wann und unter welchen Umständen, das passieren wird, daran kann der Schnitzer nicht arbeiten.